| Karl Wien: Besteigung des Pik Lenin im 1928. |
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Diese Artikel von der Sämtliche Schriften des Deutsche Österreichischen Alpenverein 1929 wurde von Karl Wien geschrieben, eins aus drei Bergsteiger, die in 1928 auf Pik Lenin besteigen haben. Wir haben originale Text behalten, und nur die alte gotische Schriften auf das heutige Schriften gewechselt haben. Sämtliche Schriften Deutsche und Österreichischen Alpenverein 1929 Seite 121 – 133
Seite 121 Pik Lenin Von Karl Wien
Nach den bisherigen Berechnungen aller fachkundigen russischen und deutschen Expeditionsteilnehmer sollte der höchste Berg des Russischen Reiches nicht im Gel-Tau liegen, sondern der Unser Vorstoß im Juli aus dem Südosten, vom Kara-Kul, war noch ziemlich weitab von ihm zum Stehen gekommen. Ein gütiges Geschick hatte uns vor einem ernsthasten Angriff bewahrt, wir hätten den Berg von dort nicht erreichen können, was wir allerdingst erst am Tage vor seiner Besteigung zweifelsfrei erkannten. Ob von Südwesten her, von Altin Masar, die Aussichten besser waren? Auch hier trennen uns Aber trotzdem glaubten wir zuversichtlich, diesmal mehr Erfolg zu haben. Denn wir hatten ja von den „Grandes Jorasses“ am Kara Dschilga Tal einen großen Gletscher entdeckt, der im Hauptmann des Transalai zwischen den beiden als höchste in Frage kommenden Gipfeln P2 und P3 seinen Anfang nimmt, zunächst rein nach Süden fließt, sich dann mit einem anderen, ebenfalls sehr großen, von Süden kommenden Gletscher vereinigt, einen scharfen Bogen nach Westen macht und wahrscheinlich durch das Sauk Sai Tal entwässert. Dieses mündet seinerseits unweit von Altin Masar. Der Gipfel des Pik Lenin ist In Altin Masar, dieser seltsamen Dase inmitten der Steinwüste des Muk-su, bemüsste schweren Herzens darauf verzichten, bei diesem Unternehmen, dem natürlich schlossen. Die russische Alpinisten gruppe musste heimreifen, sie war aus bedeutenden Seite 122 Mitgliedern der russischen Staatsregierung zusammengesetzt, deren Zeit natürlich kürzer bemessen war. So waren denn nur Allwein, Schneider und ich diejenigen, denen es beschieden war, diesen Versuch zu unternehmen. Dr. Noth, den seine wissenschaftlichen Aufgaben in Sauk Sai führten, und L.A.Perlin, der aus allgemeinem Interesse uns ein Stück begleiten wollte, schlossen sich uns an. Schwierig, wie stets, war die Trägerfrage, jetzt doppelt wichtig, da für uns besonders viel davon abhing. Unsere Bergtadschiken, erklärten alle einstimmig, um jeden Preis heimwärts ziehen zu wollen. Nach langwierigen Verhandlungen und auf das Versprechen von zahlreichen Rubeln, blieben noch einige wenige bei Expedition, nachdem ihre letzte Ausrede, sie hätten keine Schuhe, dadurch ihre Überzeugungskraft verloren hatte, dass wir ihnen unsere Reservebergschuhe gaben. Unsere beiden Träger, verhältnismäßig brauchbare Leute, hießen Dario und Bodor, sie stammten aus der wilden Schlucht des Bartang. Immerfort waren sie vom Heimweh geplagt und der einige Augenbild, an dem sie einmal in restlosem Glück gestrahlt haben, war der, als wir ihnen schließlich sagten: Morgen könnt ihr nach Hause gehen. Am 18. September mittags brachen wir von Altin Masar aus. Der Weg, der in der Nähe des Ortes ganz ausgetreten war, verlor sich bald, wir kamen in eine Schlucht und ritten zwischen wilden Felswänden durch den weglosen groben Bachschotter dahin. Der Bach fließt einmal hart an der rechten, dann wieder hart an der linken glatten Felswand, so dass uns nichts übrig blieb, als immer wieder hin durchzureiten. Bewunderungswürdig war die Wassertechnik unserer Träger. Sie mussten obendrein noch einen widerstrebenden Hammel hindurch ziehen. Am Abend schlugen wir unsere Zelte unter wildverwaschenen alten Moränen wänden in einer Gegend aus, in der man früher einmal nach Gold gesucht hat. Am Mittag des 19. September kamen wir nach Ran, einem Weideplatz der Kirgisen vor einen engen Schucht des Haupttals. Der „ortskundige“ Kirgise, den wir in Altin Masar angeworben hatten, schwindelte uns vor, hier sei das letzte Gras und das letzte Holz, und es sei ausgeschlossen, mit Pferden weiterzukommen. Als Nöth und Allwein von einer Anhöhe aus erkundet hatten, dass es noch sehr gut weiter ging, war es heute für den Weitermarsch zu spät. So erreichten wir erst am 20. September das Talstück Kusgun-Tokai, „Rabenwald“. Dieser Platz hatte alles, was man für einen schönen Lagerplatz braucht, klares Wasser, Holz und Weide. Er hat sich später, als wir vom Pik Lenin zurückgekehrt uns dort erholten, infolge seiner allgemeinen „idyllischen Eigenschaften“ ausgezeichnet bewährt. Nur einen Nachteil hatte er, er lag nämlich wenig über Keine Zeit durfte verloren gehen. Gleich am nächsten Tag, dem 21. Sept. brachen wir auf. Wir nahmen mit für uns und die beiden Träger Proviant für 5-6 Tage, zwei Hochzelte, eins für uns und eines für die Träger, Schlafsäcke und den Zeltsack. In die Last teilten wir uns mit den Trägern. Perlin begleitete uns vorläufig. Auf der endlosen Schuttsläche des fast ebenen Tales wanderten wir ostwärts. Eine Menge Steinbockgehörige lagen umher, zum Teil noch ganz frisch, Bärenspuren in Mengen und Überreste ihrer Mahlzeiten. Schon ziemlich weit im Osten kam von links ein unglaublich zerrissener Gletscher herab, in wilde Eis türme ausgelöst. Sonst bot das Tal mit seinen graugelben Hängen wenig Interessantes. Gegen Mittag wurden wir kurz in unserem raschen Bordringen gehemmt. Die Wassermassen des Gletscherabflusses wälzten sich an unserem Ufer hart an einer glatten steilen Felswand vorbei, wir mussten diese Prallstelle oben in den Felsen überklettern. Am Nachmittag um 3 Uhr standen wir endlich vor der riesigen schuttbedeckten Zunge eines offenbar sehr großen Gletschers. Er füllt mit seinen Eismassen das ganze Tal aus. Wir freuten uns schon, den Seite 123 Hauptgletscher erreicht zu haben der sich, wie wir hofften, wenig wieweiter östlich nach Norden wenden sollte. In froher Erwartung kletterten wir über den gräulichen rutschigen Schutt hinauf, nicht ohne vorher noch einmal den Bach, der hier groß und kalt aus dem Gletschertor hervorkommt, durchwatet zu haben. Droben die Enttäuschung. Ein mächtiger Gletscher zwar kommt hier von Norden herab, aber er sperrt nur das Tal, dahinter ist es wieder vollkommen aper und noch mehrere Kilometer weit nach Osten hin es mit Bachgeröll angefüllt. Dazwischen glitzert der Flusslauf, der in Ferne aus dem folgenden Gletscher hervorquillt und dann unter dem Eis des ersten Gletschers, auf dem wir jetzt standen, wieder verschwindet. Kaum wagten wir noch zu hoffen, dass der nächste Gletscher der ersehnte Hauptgletscher sei. Wir gingen noch bis die Mitte der aperen Zone zwischen den beiden Gletschern und lagerten unter den in ganz merkwürdiger Weise v(z)erwaschenen, in unglaubliche Rinnen, Kamine und Türme ausgelösten Wänden einer alten Moräne. Ein Bächlein rann hier, das sich durch seine Klarheit in wohltuender Weise von dem graugelben Schmutz des großen Gletscherbaches unterschied, Am anderen Morgen näherten wir uns dem nächsten Gletscher, der ebenso eindrucksvoll das Tal absperrt mit den gewaltigen schuttbedeckten Eismassen seiner Zunge, wie der erste, und es ebenso ungewiss ließ, was sich uns hinter seiner Zunge zeigen würde. Als wir ein Stück aus ihm vorgedrungen waren, sahen wir, dass zwar noch einmal ein Seitengletscher von Norden herunterkommt, dass wir uns aber schon aus dem zusammenhängenden Eisstrom des Nördlichen Sauk-Sai-Gletschers befanden. Bis zu Stelle, wo er endgültig nach Norden umdreht, sind es zwar noch immer etwa Gegen 5 Uhr nachmittags erblickten wir im Hintergrund einen Sattel, der offenbar schon im Hauptkamm des Transalai lag und in dem der Gletscher sein Ende zu finden schien. Es wurde Zeit, uns nach einem Nachtlager umzusehen. Wir gingen über das blanke Eis auf das orographisch linke Ufer, wo wir unter krachenden Eistürmen in Am 23. September gerieten wir gleich anfangs in ein wüstes Labyrinth von Eistürmen und Spalten. Der Bruch eines steil von rechts herunterziehenden Gletschers schob sich hier den Hauptgletscher hinein, und wir mussten ihn queren, um in die Mitte des Gletschers, wo das Fortkommen sicher war, zu gelangen. Es dauerte eine Seite 124 Gute Stunde bis wir wieder richtig in Fahrt waren, denn den Trägern mussten wir bei der Eiskletterei so ziemlich jedesmal den Fuß in großgeschlagene Stufen setzen. Dann ging es aber rasch und unaufhaltsam, teils wieder auf der Moräne, teils auf dem hier nun endlich gangbaren Gletscher auswärts. Der Grat im Westen des Sattels rückte unaufhaltsam ansteigend langsam in unser Gesichtsfeld und schien ins Unendliche zu gehen. Er fand seinen Abschluss in einem ungemein eindrucksvollen Firngipfel, der mit einer wilden Eiswand zum Gletscher abbrach. Es durchzuckte uns ein Ahnen: das ist der Pik Lenin. Aber der musste ja nach unseren Erfahrungen aus der anderen Seite des Sattels liegen. Von einer Mulde zur anderen stieg nun der Gletscher mehr und mehr, Spalten traten auf und machten uns zu schaffen, glattes, spiegelndes Wassereis bedeckte aus lange Strecken den Gletscher. In der obersten Firnmulde, bei dem letzen Geröll, das an der Seite noch zu finden war, warteten wir auf die Träger, die unter leiten Stöhnen weit hinter uns drein kamen. Wir mussten sie hier in Wir versuchten nun unseren Trägern verständlich zu machen, dass sie hier bis zu unserer Rückkehr in zwei Tagen auf uns warten sollten. Obwohl an sich keiner die Sprache des anderen sprach, hatten wir doch einige Brocken Tadschikisch und die Träger einige Worte Deutsch gelernt, die Gebärdensprache half nach, und die Verständigung hatte bisher ganz gut geklappt. Ein Zelt, Proviant, einen Kocher und Brennstoff ließen wir für die Träger zurück. Dann schulterten wir unsere Rücksacke mit Schlafsäcken, Zelt, Zeltsack und Proviant für zwei Tage und stiegen gegen den Sattel an. Mit erstaunten und furchtsamen Augen sahen uns die Träger nach. Das Verständnis für unser Treiben ging ihnen ab. Rechts und links von unserem Weg erhoben sich unglaubliche Eiswände von großer Steilheit und unabsehbarer, trostloser Gleichförmigkeit. Dazu war das Wetter nicht schön, starker Wind und eine gänzlich schattenlose Beleuchtung, nicht sehr lockend, in die hohe Kälte hinaufzusteigen. An die zwei Stunden gingen wir so dahin, zuerst noch auf blankem Eis, dann auf Firn und zuletzt noch einige Zeit in tiefem Schnee spurend, immer den Sattel im Hauptkamm des Transalai vor Augen. Gegen 5 Uhr nachmittags betraten wir den Sattel. Ein unermesslicher Fernblick tat sich uns auf. Tief zu unseren Füßen das Alaital, eine weite grünlichgelbe Ebene, klein und fern dahinter mit wenigen schneebedeckten Häuptern der Alai, alles in einer seltsamen Abendbeleuchtung. Hier wollten wir die Nacht zubringen und wir sahen uns deshalb nach einem geeigneten Lagerplatz um. Es war nicht leicht einen solchen zu finden, da das ganze Gelände in gleicher Weise dem Südwind, der heftig über die Passhöhe pfiff, und dem Westwind, der im Pamir immer und überall in wechselnder Stärke zu finden ist, ausgesetzt ist. Gegen den Passwind von Süden konnten wir uns einigermaßen schützen, indem wir jenseits einige Meter nach Norden abstiegen, und da gerade einmal für einen Augenblick der Westwind aufgehört hatte, glaubten wir zwischen zwei Spalten einen geeigneten Platz gefunden zu haben. Wir befestigten und verstrebten unter Zeit mit Pickeln und Steigeisen, die sofort in dem harten Firn vollkommen festfroren. Mit der Nacht fiel uns der Westwind an. Unser kleines steifgefrorenes Zelt knatterte im Winde, prasselnd wurde der Schnee auf das Dach niedergeworfen und blieb dort in einer dicken Schicht liegen, vor dem Eingang des Zeltes bildete sich eine Schneewehe, die alle unsere Sachen begrub. Der Schnee wurde sogar ins Zelt herein geblasen und schlug sich in sehr lästiger Weise auf unseren Köpfen nieder. Seite 127. So angenehm gering das Gewicht unseres Zeltes war und so, fast möchte ich sagen, behaglichen Unterschlupf uns es in den vergangenen Wochen gewährt hatte, hier oben in einer Höhe von Niemals war die Ungewissheit über die Lage des Piks Lenin größer als an diesem Abend. Zwar hatten wir im Heraufwandern über den Gletscher tatsächlich diesen riesigen Berg zur Linken gesehen. Der Gedanke, dass das der Pik Lenin sei, lag nahe, und Schneider plädierte dafür. Aber hatten wir nicht schließlich vom Kara-Dschilga Gebiet aus einen Berg östlich von unserem Hochjoch als den höchsten angesprochen? Sagte nicht auch die Landkarte, dass vom Pik Lenin die Wasserscheide nach Süden abzweigt? Konnte nicht im Osten unseres Lagers hinter der alles verdeckenden steilen Firnwand ein noch höherer und schönerer Berggipfel liegen? Nach endlosen Debatten kamen wir überein, am nächsten Tag nach Osten anzusteigen. Ruhig, zum Teil schlafend, verbrachten wir die Nacht. Unsere Thermometer hatten die verschiedenen Wechselfälle der Expedition nicht überlebt. Wir hatten nur mehr das kleine Instrument, das auf dem Zifferblatt des Barometers befestigt war. Es ging nur bis -23 Grad und das Quecksilber hatte sich längst in sein Gehäuse zurückgezogen, Seite 128. Obwohl es im Zelt in unmittelbarer Nähe meines Schlafsackes gelegen hatte. Allwein begann sein leiden volles Amt als Koch, es gelang ihm nur mit sehr großer Mühe, für jeden von uns halbes Tässchen Tee herzustellen, der noch dazu einen merkwürdig schlechten Geschmack hatte. Das Anziehen der Stiefel, die zu Eisenröhren erstarrt waren, war eine Qual. Einer nach dem anderen kam aus Zelt herausgekrochen in die schauerliche Kälte, beendete dort seine Toilette und bemühte sich dann durch heftiges Hin und Herrennen neben dem Zelt von innen her etwas Wärme zu schaffen, was aber bei dem kalten Wind als aussichtslos bald aufgegeben wurde. Um 7 Uhr waren wir alle marschbereit und begannen auf dem östlich vom Sattel ansteigenden Firngrat emporzusteigen. Der Schnee, der im Anfang den Eindruck eines schön und hart verblasenen Firngrates machte, wurde bald weiter oben bei zunehmender Steilheit locker, eine ziemliche Spurarbeit begann wieder. Trotzdem hatten wir nach gut 1 Stunde einen markanten Punkt, den „Eckpfeiler“ erreicht, der weit nach Norden vorgeschoben war, 6100m. Wir standen auf der Grathöhe und hatten Einblick in den Aufbau der Transalaikette in einer Weise, wie wir sie uns nicht besser wünschen konnten. Alles was bisher zweifelhaft für uns gewesen war, lag nun klar vor unseren Augen. Wir sahen, wie die Kette sich in großem flachem Bogen hinüberzog zu den weiter östlich gelegenen Bergen, dem Kisil-Agin, mit seinem ganz merkwürdig gleichmäßigen, flachen, nach Osten streichenden etwa Ein sonderbares Gefühl war es, am Vormittag gegen 10 Uhr im Zelt zu sitzen, an einem wundervollen Tag, wie wir ihn bei der jetzt im Herbst schon sehr wechselnden Witterung wohl kaum für die Besteigung hätten erhoffen können, und zuzusehen wie die Sonne allmählich am Grat des Pik Lenin in die Höhe stieg und schließlich wieder verschwand. Wir hatten jetzt Muße genug, uns klarzumachen, an welch eindrucksvollen Platz stand. Die kleine Firnterasse geht wenige Meter tiefer in eine stiele Eiswand über. Sie reicht hinüber bis zur eigentlichen Nordwand des Pik Lenin, die, man kann es wohl sagen, in einheitlicher Neigung an die Schnell kamen Abend und Nacht. Etwas weniger rüttelte der Wind am Zelt und wir schliefen mehr. Am Morgen zeigte das Thermometer nur -18 Grad im Zelt. Wir machten uns die Erfahrungen des gestrigen Tages zunutze. Unsere Stiefel hatten Seite 129. Wir während der ganzen Nacht im Schlafsack gewärmt, indem wir einfach wir einfach daraufgelegen hatten. So waren sie schön weich und schmiegsam, das Anziehen ging leicht und die Füße waren nicht schon von vornherein ganz eisig. Dann verschoben wir das Aufstehen und den Aufbruch, bis die wärmenden Strahlen der Sonne unser Zelt erreichten. Zwar wurde es 8 Uhr, bis sie hinter dem Bergrücken im Osten hervorkam, aber wir erhofften uns von ihr doch eine wesentlich belebende und wärmende Wirkung. Alles, was unsere Rücksacke an wärmenden Sachen bargen, legten wir außer den normalen dicken Kleidungsstücken und dem Windanzug, die man ja in den Alpen bei Schneesturm genau so nötig hat, noch eine Garnitur Unterzeug aus Papier. Als Kälteschutz für die Füße dicke Lappen, die um die Schuhe gewickelt wurden, darüber die Steigeisen, die sie festhielten. Natürlich hatten die Steigeisen doch wieder eine schädliche Wirkung, weil die Riemen der Bindung immer irgendwo auf den Fuß drückten und die Blutzirkulation hemmten. Aber wir brauchten sie doch unbedingt, denn der Firn war hartgeblasen und glatt und zum Teil war unser Weg sehr steil. Ein jeder trug einen Rucksack von sehr kleinem Gewicht. Ich hatte den Fotoapparat, der wegen der Kälte schließlich leider nicht funktionierte, und das Barometer, das infolge der an es gestellten Ansprüche groß und schwer war. Allwein hatte den Zeltsack für Kasten bei Wind und überhaupt für den Notfall, Schneider etwas Proviant, hauptsächlich Bonbons, die zu essen wir merkwürdigerweise am längsten Luft hatten, Schokolade und Dörrobst. So verließen wir am 25. September, dem 5. Tag seit unserem Aufbruch aus Rusgun Tokai, morgens 8 Uhr 20 Min. unseren Lagerplatz am Ostsattel, Im ersten steilen Aufschwung das Grates, den wir erstiegen, fanden wir etwas Bruchharscht, in dem wir einsanken und spuren mussten. Es war die einzige solche Stelle. Von dort ab war der breite Grat, der dauernd vom starken Wind überstrichen wurde, hart verblasen, und unsere steigeisenbewehrten Füße ließen nur selten eine merklich vertiefte Spur zurück. Um ein Beispiel von der Art des Geländes zu geben, möchte ich den Grat mit dem Ostgrat des Montblanc vergleichen, der sich vom Col de Ein starker Wind wehte, aber im Anfang hatten wir noch schöne Sonne und sahen an den Bergen im Osten, wie wir uns langsam in die Höhe schraubten. Immerhin Seite 130. Nach eine Stunde nahmen wir den Zeltsack heraus, krochen alle drei hinein und ruhten uns an der rasch entstehenden Wärme etwas aus. Um 12 Uhr kamen wir auf eine selbständige Erhebung im Grat, Die Sonne war verschwunden, Nebel brandeten von Westen herauf. Von diesen letzten paar hundert Metern kann man wohl sagen: Es ging hart auf hart! Gemessen an anderen, besonders am Mount Everest erreichten Höhen ist natürlich Ganz zum Schluss versuchte der Berg noch einmal, uns durch Schwierigkeiten abzuschlagen. Die letzen Um 3 Uhr 30 Min. nachmittags betraten wir die windumtoste G i p f e l f l ä c h e. Auf dem höchsten Punkt, einen kleinen aus dem Firn hervorragenden Felsköpfel, drückten wir uns die Hände und setzten uns nieder. Der Höhenmesser war auf Seite 131. Nordwand, steil zum Gletscher gegen das Alaital abfallend, die Südwand Der Abstieg dauerte 2 ¾ Stunden. Im Augenblick, in dem man aufhört, bergan zu steigen, bei der Rast und beim Abstieg, sind die lähmenden Wirkungen der Höhe nur mehr zum kleinen Teil wirksam und man wird, wie das ja auch die Engländer angeben, selbst für den Mount Everest, im Abstieg im allgemeinen ähnliche Zeiten erzielen wie in den Alpen, wenn man berücksichtigt, dass die Strapazen des Aufstiegs natürlich eine gewisse allgemeine Erschöpfung im Körper zurücklassen. In schlimmer Erinnerung habe ich allerdings die endlos scheinende Gegensteigung, die nun, da man schon ganz auf einen Abstieg ohne wesentliche Willensanstrengung eingestellt war, doppelt unangenehm empfunden wurde. Ganz mechanisch folgten wir im Nebel, der inzwischen den ganzen Grat eingehüllt hatte, unseren Aufstiegspuren. Um 5 Uhr 45 Min. tragen wir im Ostsattel bei unserem Zelt ein. Gerade rissen die Nebel auf und in ein seltsames rotes Licht getaucht lag das Alaital zu unseren Füßen. Wir machten uns sofort daran, unsere Sachen zusammenzupacken. Eine dritte Nacht in diesem unwirtlichen Hochlager zu verbringen, erschien uns nicht ratsam. Wir wollen tiefer auf dem warmen Schutt des Lagerplatzes der Träger in Schlaftrunken schälten wir uns aus unseren Säcken, als schon die Sonne heiß auf das Zeltdach herunterbrannte. Nun untersuchten wir genauer den Zustand unserer Füße. Schneiders Füße hatten am meisten, während Allweins und meine lediglich stark angeschwollen waren. Schmerzhaft war das Auftreten für alle. Wir befanden uns drei Tagemärsche vom Standlager entfernt, ohne Träger, die Lage war nicht erfreulich. Immerhin, das einzige, was wir tun konnten, war möglichst rasch zum Standlager hinabzusteigen. Unser Marsch den Gletscher hinunter, der erst um 10 Uhr begann und schon um 4 Uhr 30 Min. nachmittags endete, war ein richtiger Trauermarsch. Zunächst mussten wir von Mulde zu Mulde über das blanke Eis hinuntergehen, dann fanden wir wieder den Anfang derselben Längsmoräne, über die wir schon heraufgekommen waren. Wenn es auch eine unglaubliche Art der Fortbewegung war, auf diesen ungleichmäßigen, rutschigen Schuttmassen und Blöcken immerfort bergauf bergab dahinzustolpern, so mussten wir doch dankbar für diese Straße sein. Nur ein einziges Mal stellte sie uns ein wirkliches Hindernis in Gestalt von einigen riesigen Querspalten in den Weg, die wir überlisten mussten. Sonst blieb uns nichts übrig, als geduldig des Weges zu ziehen und zu warten, bis der Pik Lenin mit seinem Seite 132. unendlich langen Ostgrat hinter den weiter südlich gelegenen Bergen verschwanden und bis allmählich der große südliche Gletscher mit seinem Bergen in unser Gesichtsfeld hereinwuchs. Gegen Mittag wurden, namentlich bei Schneider, die Schmerzen in den Füßen größer und besonders das „Anfahren“ nach den Rasten war schauerlich. So mussten wir schließlich den Gedanken aufgeben, bei einem kleinen Tee oben auf der alten Moräne, auf der wir auf dem Hinweg die Kurve des Gletschers abgeschnitten hatten, das Lager aufzuschlagen. Vielmehr schon ungefähr dort, wo uns Perlin bei der Mittagsrast am 22 September verlassen hatte, stellten wir unser Zelt auf, das fünfte Lager auf dem Eis des Nördlichen Sauk-Sai-Gletschers, etwa Als am Morgen des 27. September die Sonne aufging, verließ ich meine Gefährten und machte mich auf den Weg. Langsam zog ich über den Schutt der Moräne noch ein Stück gletscherabwärts, betrat dann wieder die alte Moräne und kam durch das Tälchen neben dem Gletscher und über das Eis des ersten Seitengletschers hinunter ans Ende. Dort in der aperen Zone zwischen dem Gletscher 1 und dem Hauptgletscher war unter ersten Lagerplatz, wo wir auf dem Hinweg ein Depot mit einem Büchsenschinken und etwas anderem Proviant errichtet hatten. Als ich mich langsam hinkend diesem Platz näherte, sah ich zwei Gestalten sich dort herunterbewegen, und ich merkte zu meinem Erstaunen, dass es unsere beiden Träger waren, die aus den kalten Regionen des oberen Gletschers sich in dieses halbwegs angenehme Plätzchen geflüchtet hatten. Die Freude darüber, dass ich jetzt nicht mehr meinen doch recht umfangreichen Rucksack zu tragen brauchte, überwog entschieden den Grimm, der mich eigentlich über diese beiden Flüchtlinge hätte erfüllen sollen. Ich nahm den einen, Dario, mit mir, schickte den anderen, Bodor, meinen Freunden entgegen. Allerdings Bodor legte sich, kaum dass ich mit Dario außer Sichtweite war, hinter einen Stein und wusste es so einzurichten, dass er Schneider und Allwein erst dort begegnete, als sie schon über die Zunge des Gletschers zum ebenen Talboden abstiegen. Ich eilte inzwischen verhältnismäßig leichtbeschwingt weiter über den Gletscher 1 und kam mittags um 1 Uhr ins breite, schutterfüllte Tal. Meine Füße vertrugen nur ungern eine Rast, und so war es am besten, zu versuchen, in einem Zuge, ohne auch nur einmal auszusetzen, das Standlager zu erreichen. Allwein und Schneider hatten am Abend wirklich noch das Ende des Gletschers erreicht, obwohl der Tag für Schneider sehr arg gewesen sein muss und er gerade bei dem Marsche über den ungemein unebenen Gletscher sehr viel auszuhalten hatte. Sie lagerten unterhalb des Gletschers 1 und traten von dort ihren 8. Und letzen Marschtag an. Seite 133. Verabredungsgemäß gingen sie bis zur Prallstelle des Flusses. Dort nahm sie Borchers mit dem Kirgisen, Dario und 2 leeren Pferden in Empfang. Am Nachmittag des 28 September, um 4 ½ Uhr kamen sie ins Standlager. Gleich am anderen Morgen wurde der Kamelreiter, der mit Borchers gekommen war, mit Nachricht zu Rickmers nach Altin Masar gesandt. Allwein legen diese Kamelreiter in kurzer Zeit riesige Stecken zurück, und so kam schon am Morgen des 30. September ein Bote, der die Nacht hindurchgeritten war, mit den fehlenden Medikamenten herauf, um die wir gebeten hatten. Für uns kamen einige Tage der absoluten Ruhe, und wir ließen es uns in Kusgun-Tokai gut gehen. So endete für uns die Besteigung des Pik Lenin, die der Schlussstein auf den bergsteigerischen Erfolgen der Expedition genannt werden mag und für uns das schönste und größte Erlebnis in ihrem Verlauf gewesen ist. Am 6. Oktober waren Borchers uns ich zum Fotogrammetrieren auf einem |







