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Karl Wien: Besteigung des Pik Lenin im 1928. PDF Drucken

Diese Artikel von der Sämtliche  Schriften des Deutsche Österreichischen Alpenverein 1929 wurde von Karl Wien  geschrieben, eins aus drei Bergsteiger, die  in 1928 auf Pik Lenin besteigen haben.

Wir haben originale Text behalten, und nur die  alte gotische Schriften auf das heutige Schriften gewechselt haben.

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Sämtliche  Schriften

Deutsche und Österreichischen Alpenverein 1929

Seite 121 – 133

 

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Pik Lenin

Von Karl Wien

 

Nach den bisherigen Berechnungen aller fachkundigen russischen und deutschen Expeditionsteilnehmer sollte der höchste Berg des Russischen Reiches nicht im Gel-Tau liegen, sondern der 7130 m hohe Berg im Transalai sein, der bisher Pik Kaufmann hieß und jetzt Pik Lenin genannt worden war. Ihn zu ersteigen war eine unserer vornehmsten Ausgaben.

Unser Vorstoß im Juli aus dem Südosten, vom Kara-Kul, war noch ziemlich weitab von ihm zum Stehen gekommen. Ein gütiges Geschick hatte uns vor einem ernsthasten Angriff  bewahrt, wir hätten den Berg von dort nicht erreichen können, was wir allerdingst erst am Tage vor seiner Besteigung zweifelsfrei erkannten.  Ob von Südwesten her, von Altin Masar, die Aussichten besser waren?  Auch hier trennen uns 70 km Luftlinie von unseren Ziel, 70 km eines  Gewirrs von Bergen und Tälern; auch hier wussten wir nichts über die Aufstiegsmöglichkeiten auf den Berg selbst, die erst dann in den Bereich unserer Erwägungen einbezogen werden konnten, wenn wir uns bis zu seinem Fuße vorgearbeitet hatten. Die Schwierigkeiten der Auffindung eines Anmarschweges paaren sich mit denen der Besteigung wenn man im unbekannten Land  gleichseitig mit den ersten geographischen Aufklärungsarbeiten hohe Berge dieser Art besteigen will.

Aber trotzdem glaubten wir zuversichtlich, diesmal mehr Erfolg zu haben. Denn wir hatten ja von den „Grandes Jorasses“ am Kara Dschilga Tal einen großen Gletscher entdeckt, der im Hauptmann des Transalai zwischen den beiden als höchste in Frage kommenden Gipfeln P2 und P3 seinen Anfang nimmt, zunächst rein nach Süden fließt, sich dann mit einem anderen, ebenfalls sehr großen, von Süden kommenden Gletscher vereinigt, einen scharfen Bogen nach Westen macht und wahrscheinlich durch das Sauk Sai Tal entwässert. Dieses mündet seinerseits unweit von Altin Masar.

Der Gipfel des Pik Lenin ist 7130 m hoch. Es ist das eine Höhe, die weit unterhalb von dem liegt, was im Karakorum und im Himalaya, insbesondere am Mount Everest, erreicht worden ist. Nichtsdestoweniger ist der Luftdruck dort schon erheblich geringer als die Hälfte einer Atmosphäre. Wir hatten uns seit mehr als 2 Monaten langsam an Anstrengungen in immer  größeren Höhen gewöhnt, ferner an kalte Hochlager endloser Gletschermärsche und an die Kalte überhaupt, so dass wir in diesem Punkte unserer selbst sicher waren, soweit man überhaupt seiner körperlichen Leistungsfähigkeit sicher sein kann, die ja auch noch manchen anderen, nicht zu erfassenden Faktoren abhängig ist. Wohl sahen wir die ersten  Anzeichen des Herbstes, den vielen Neuschnee, der weit herunterreichte in den Nordwänden des Sandal und Musdschilga; wohl waren wir uns bewußt, daß es hohe Zeit war, wollten wir auf den eisigen noch etwas ausrichten; aber trotzdem waren wir später überrascht über die Schwierigkeiten, die uns droben durch die maßlose Kälte bereitet wurden. Dass wir letzen Endes doch unser Ziel erreicht haben, verdanken wir eben einer gewissen Härte, die sich ganz allgemein aus das Ertragen von Strapazen richtete.

In Altin Masar, dieser seltsamen Dase inmitten der Steinwüste des Muk-su, bemüsste  schweren  Herzens darauf verzichten, bei diesem Unternehmen, dem natürlich schlossen. Die russische Alpinisten gruppe musste heimreifen, sie war aus bedeutenden

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Mitgliedern der russischen Staatsregierung zusammengesetzt, deren Zeit natürlich kürzer bemessen war.  So waren denn nur Allwein, Schneider und ich diejenigen, denen es beschieden war, diesen Versuch zu unternehmen. Dr. Noth, den seine wissenschaftlichen Aufgaben in Sauk Sai führten, und L.A.Perlin, der aus allgemeinem Interesse uns ein Stück begleiten wollte, schlossen sich uns an. Schwierig, wie stets, war die Trägerfrage, jetzt doppelt wichtig, da für uns besonders viel davon abhing. Unsere Bergtadschiken, erklärten alle einstimmig, um jeden Preis heimwärts ziehen zu wollen. Nach langwierigen Verhandlungen und auf das Versprechen von zahlreichen Rubeln, blieben noch einige wenige bei Expedition, nachdem ihre letzte Ausrede, sie hätten keine Schuhe, dadurch ihre Überzeugungskraft verloren hatte, dass wir ihnen unsere Reservebergschuhe  gaben. Unsere beiden Träger, verhältnismäßig brauchbare Leute, hießen Dario und Bodor, sie stammten aus der wilden Schlucht des Bartang. Immerfort waren sie vom Heimweh geplagt und der einige Augenbild, an dem sie einmal in restlosem Glück gestrahlt haben, war der, als wir ihnen schließlich sagten: Morgen könnt ihr nach Hause gehen.

Am 18. September mittags brachen wir von Altin Masar aus. Der Weg, der in der Nähe des Ortes ganz ausgetreten war, verlor sich bald, wir kamen in eine Schlucht und ritten zwischen wilden Felswänden durch den weglosen groben Bachschotter dahin.  Der Bach fließt einmal hart an der rechten, dann wieder hart an der linken glatten Felswand, so dass uns nichts übrig blieb, als immer wieder hin durchzureiten. Bewunderungswürdig war die Wassertechnik unserer Träger. Sie mussten obendrein noch einen widerstrebenden Hammel hindurch ziehen. Am Abend schlugen wir unsere Zelte unter wildverwaschenen  alten Moränen wänden in einer Gegend aus, in der man früher einmal nach Gold gesucht hat.

Am Mittag des 19. September kamen wir nach Ran, einem Weideplatz der Kirgisen vor einen engen Schucht des Haupttals. Der „ortskundige“ Kirgise, den wir in Altin Masar angeworben hatten, schwindelte uns vor, hier sei das letzte Gras und das letzte Holz, und es sei ausgeschlossen, mit Pferden weiterzukommen. Als Nöth und Allwein von einer Anhöhe aus erkundet hatten, dass es noch sehr gut weiter ging, war es heute für den Weitermarsch zu spät. So erreichten wir erst am 20. September das Talstück Kusgun-Tokai, „Rabenwald“. Dieser Platz hatte alles, was man für einen schönen Lagerplatz braucht, klares Wasser, Holz und Weide. Er hat sich später, als wir vom Pik Lenin zurückgekehrt uns dort erholten, infolge seiner allgemeinen „idyllischen Eigenschaften“ ausgezeichnet bewährt. Nur einen Nachteil hatte er, er lag nämlich wenig über 3000 m hoch, mehr als 1000 m tiefer als das entsprechende Standlager im Kara-Dschilga-Tal. Mehr als 4000 m Höhenunterschied trennten uns hier noch vom Gipfel des Pik Lenin (siehe Bilder gegenüber S.132 und S.160).

Keine Zeit durfte verloren gehen. Gleich am nächsten Tag, dem 21. Sept. brachen wir auf. Wir nahmen mit für uns und die beiden Träger Proviant für 5-6 Tage, zwei Hochzelte, eins für uns und eines für die Träger, Schlafsäcke und den Zeltsack. In die Last teilten wir uns mit den Trägern. Perlin begleitete uns vorläufig. Auf der endlosen Schuttsläche des fast ebenen Tales wanderten wir ostwärts.  Eine Menge Steinbockgehörige lagen umher, zum Teil noch ganz frisch, Bärenspuren in Mengen und Überreste ihrer Mahlzeiten. Schon ziemlich weit im Osten kam von links ein unglaublich zerrissener Gletscher herab, in wilde Eis türme ausgelöst. Sonst bot das Tal mit seinen graugelben Hängen wenig Interessantes. Gegen Mittag wurden wir kurz in unserem raschen  Bordringen gehemmt. Die Wassermassen des Gletscherabflusses wälzten sich an unserem Ufer hart an einer glatten steilen Felswand vorbei, wir mussten diese Prallstelle oben in den Felsen überklettern. Am Nachmittag um 3 Uhr standen wir endlich vor der riesigen schuttbedeckten Zunge  eines offenbar sehr großen Gletschers.  Er füllt mit seinen Eismassen das ganze Tal aus.  Wir freuten uns schon, den

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Hauptgletscher erreicht zu haben der sich, wie wir hofften, wenig wieweiter östlich nach Norden wenden sollte. In froher Erwartung kletterten wir über den gräulichen rutschigen Schutt hinauf, nicht ohne vorher noch einmal den Bach, der hier groß und kalt aus dem Gletschertor hervorkommt, durchwatet zu haben. Droben die Enttäuschung. Ein mächtiger Gletscher zwar kommt hier von Norden herab, aber er sperrt nur das Tal, dahinter ist es wieder vollkommen aper und noch mehrere Kilometer weit nach Osten hin es mit Bachgeröll angefüllt. Dazwischen glitzert der Flusslauf, der in Ferne aus dem folgenden Gletscher hervorquillt und dann unter dem Eis des ersten Gletschers, auf dem wir jetzt standen, wieder verschwindet. Kaum wagten wir noch zu hoffen, dass der nächste Gletscher der ersehnte Hauptgletscher sei. Wir gingen noch bis die Mitte der aperen Zone zwischen den beiden Gletschern und lagerten unter den in ganz merkwürdiger Weise v(z)erwaschenen, in unglaubliche Rinnen, Kamine und Türme ausgelösten Wänden einer alten Moräne. Ein Bächlein rann hier, das sich durch seine Klarheit in wohltuender Weise von dem  graugelben Schmutz des großen Gletscherbaches unterschied, 3800 m.

Am anderen Morgen näherten wir uns dem nächsten Gletscher, der ebenso eindrucksvoll das Tal absperrt mit den gewaltigen schuttbedeckten Eismassen seiner Zunge, wie der erste, und es ebenso ungewiss ließ, was sich uns hinter seiner Zunge zeigen würde. Als wir ein Stück aus ihm vorgedrungen waren, sahen wir, dass zwar noch einmal ein Seitengletscher von Norden herunterkommt, dass wir uns aber schon aus dem zusammenhängenden Eisstrom des Nördlichen Sauk-Sai-Gletschers befanden. Bis  zu Stelle, wo er endgültig nach Norden umdreht, sind es zwar noch immer etwa 5 km. Aber wir fanden einen breiten Graben zwischen Fels und Eis, in dem wir verhältnismäßig gut vorwärtskamen. Eigentlich mehr gefühlsmäßig trachteten wir dann, durch ein kleines Tälchen auf die große alte Moräne zur Linken hinauszukommen. Hier konnten wir, ein glückliches Treffen, die große Kurve des Gletschers, die uns durch ihre Zerrissenheit viel Mühe und Zeit gekostet hätte, aus ganz gut gangbarem Gelände abschneiden. Erst als ein kleiner Gletscher von Nordwesten her mit seinen großen Eismassen uns den Weiterweg versperrte, gingen wir wieder nach rechts mehr zur Mitte des großen Gletschers. Nun hatten wir schon reine Richtung nach Nord zur Hauptkette des Transalai. Hier hielten wir Mittagsrast zwischen zwei Moränen, die auch hier, wie am Fedtschenkogletscher, wie Fahrgeleise der Bewegung des Gletschers in seiner ganzen Länge folgen. Perlin, der nun schon einen ganzen Tag länger mit uns gegangen war, als er eigentlich beabsichtigt hatte, kehrte hier um. Leider hatte er von hier aus den Pik Lenin noch nicht sehen können. Wir wanderten weiter nach Norden ins Unbekannte. Der ganze Nördliche Sauk Sai Gletscher mag erwa 25 km lang sein, davon wohl 20 km in Nord-Süd-Richtung. Den ganzen Nachmittag stolperten wir schon bergauf bergab auf einer  Moräne dahin, weil die Oberfläche des Gletschers selbst zu uneben war. Ohne eigentlich viele Spalten aufzuweisen, war er im großen außerordentlich zerklüftet, mit großen zugefrorenen Eisseen durchsetzt und von tiefen und weiten Tälern zerrissen.

Gegen 5 Uhr nachmittags erblickten wir im Hintergrund einen Sattel, der offenbar schon im Hauptkamm des Transalai lag und in dem der Gletscher sein Ende zu finden schien. Es wurde Zeit, uns nach einem Nachtlager umzusehen. Wir gingen über das blanke Eis auf das orographisch linke Ufer, wo wir unter krachenden Eistürmen in 4600 m Höhe die Zelte ausstellten. Abends hielten wir lange Diskussionen darüber ab, wo nun wohl der Pik Lenin läge.

Am 23. September gerieten wir gleich anfangs in ein wüstes Labyrinth von Eistürmen und Spalten. Der Bruch eines steil von rechts herunterziehenden Gletschers schob sich hier den Hauptgletscher hinein, und wir mussten ihn queren, um in die Mitte des Gletschers, wo das Fortkommen sicher war, zu gelangen. Es dauerte eine

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Gute Stunde bis wir wieder richtig in Fahrt waren, denn den Trägern mussten wir bei der Eiskletterei so ziemlich jedesmal den Fuß in großgeschlagene Stufen setzen. Dann ging es aber rasch und unaufhaltsam, teils wieder auf der Moräne, teils auf dem hier nun endlich gangbaren Gletscher auswärts. Der Grat im Westen des Sattels rückte unaufhaltsam ansteigend langsam in unser Gesichtsfeld und schien ins Unendliche zu gehen. Er fand seinen Abschluss in einem ungemein eindrucksvollen Firngipfel, der mit einer wilden Eiswand zum Gletscher abbrach. Es durchzuckte uns ein Ahnen: das ist der Pik Lenin. Aber der musste ja nach unseren Erfahrungen aus der anderen Seite des Sattels liegen.

Von einer Mulde zur anderen stieg nun der Gletscher mehr und mehr, Spalten traten auf und machten uns zu schaffen, glattes, spiegelndes Wassereis bedeckte aus lange Strecken den Gletscher. In der obersten Firnmulde, bei dem letzen Geröll, das an der Seite noch zu finden war, warteten wir auf die Träger, die unter leiten Stöhnen weit hinter uns drein kamen. Wir mussten sie hier in 5200 m Höhe zurücklassen. Der immer steiler werdende Anstieg zum Sattel zeigte auch viel Blankeis, das den Trägern, die keinerlei Übung und keine guten Steigeisen hatten, zu schwer werden würde. Und dann erschien es uns auch ratsam, sie nicht der bestimmt oben auf dem Sattel uns erwartenden großen Kälte auszusetzen.

Wir versuchten nun unseren Trägern verständlich zu machen, dass sie hier bis zu unserer Rückkehr in zwei Tagen auf uns warten sollten. Obwohl an sich keiner die Sprache des anderen sprach, hatten wir doch einige Brocken Tadschikisch und die Träger einige Worte Deutsch gelernt, die Gebärdensprache half nach, und die Verständigung hatte bisher ganz gut geklappt. Ein Zelt, Proviant, einen Kocher und Brennstoff ließen wir für die Träger zurück. Dann schulterten wir unsere Rücksacke mit Schlafsäcken, Zelt, Zeltsack und Proviant für zwei Tage und stiegen gegen den Sattel an. Mit erstaunten und furchtsamen Augen sahen uns die Träger nach. Das Verständnis für unser Treiben ging ihnen ab.

Rechts und links von unserem Weg erhoben sich unglaubliche Eiswände von großer Steilheit und unabsehbarer, trostloser Gleichförmigkeit. Dazu war das Wetter nicht schön, starker Wind und eine gänzlich schattenlose Beleuchtung, nicht sehr lockend, in die hohe Kälte hinaufzusteigen. An die zwei Stunden gingen wir so dahin, zuerst noch auf blankem Eis, dann auf Firn und zuletzt noch einige Zeit in tiefem Schnee spurend, immer den Sattel im Hauptkamm des Transalai vor Augen. Gegen 5 Uhr nachmittags betraten wir den Sattel. Ein unermesslicher Fernblick tat sich uns auf. Tief zu unseren Füßen das Alaital, eine weite grünlichgelbe Ebene, klein und fern dahinter mit wenigen schneebedeckten Häuptern der Alai, alles in einer seltsamen Abendbeleuchtung.

Hier wollten wir die Nacht zubringen und wir sahen uns deshalb nach einem geeigneten Lagerplatz um. Es war nicht leicht einen solchen zu finden, da das ganze Gelände in gleicher Weise dem Südwind, der heftig über die Passhöhe pfiff, und dem Westwind, der im Pamir immer und überall in wechselnder Stärke zu finden ist, ausgesetzt ist. Gegen den Passwind von Süden konnten wir uns einigermaßen schützen, indem wir jenseits einige Meter nach Norden abstiegen, und da gerade einmal für einen Augenblick der Westwind aufgehört hatte, glaubten wir zwischen zwei Spalten einen geeigneten Platz gefunden zu haben. Wir befestigten und verstrebten unter Zeit mit Pickeln und Steigeisen, die sofort in dem harten Firn vollkommen festfroren. Mit der Nacht fiel uns der Westwind an. Unser kleines steifgefrorenes Zelt knatterte im Winde, prasselnd wurde der Schnee auf das Dach niedergeworfen und blieb dort in einer dicken Schicht liegen, vor dem Eingang des Zeltes bildete sich eine Schneewehe, die alle unsere Sachen begrub. Der Schnee wurde sogar ins Zelt herein geblasen und schlug sich in sehr lästiger Weise auf unseren Köpfen nieder.

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So angenehm gering das Gewicht unseres Zeltes war und so, fast möchte ich sagen, behaglichen Unterschlupf uns es in den vergangenen Wochen gewährt hatte, hier oben in einer Höhe von 5820 m und zu einer solchen Jahreszeit vermochte es unseren Anforderungen nicht ganz zu entsprechen. Wir füllten es mit unseren Schlafsäcken vollkommen aus, alles andere, Kocher, Proviant, Fotoapparat musste draußen bleiben und das Kochen, das lediglich in dem Versuch bestand, einen Tee herzustellen und das eine Aufgabe war, der sich Allwein mit mehr Hingabe als Erfolg unterzog, musste draußen erfolgen und blieb ein sehr unrationelles Unternehmen trotz aller Versuche, die Wärme aus dem Metavergaser daran zu hindern nach unten und nach den Seiten abzuziehen, so gut Meta an sich auch hier oben sich bewährt hat. Ein Zelt, das den Ausgangspunkt für die Besteigung eines so hohen Berges bieten soll, sollte so groß, ich möchte sagen, so komfortabel sein, dass man darin kochen und auch die Gipfel anziehen kann. Tritt man dann schon in voller Rüstung hinaus in die Kälte, so kann man ihr viel eher Wiederstand leisten, als wenn sie schon während des Anziehens der Hüllen die Möglichkeit hat, sich unter ihnen einzunisten. Die Frage der Verpflegung war durch die Umstände bedingt. Das Herstellen von Flüssigkeiten machte große Schwierigkeiten. Der Tee, kaum in die Becher ausgeschenkt, wurde im Nu wieder kalt und beim Kochen wurden die Finger so kalt, dass man es nicht lange Zeit fortsetzen konnte. Infolge des Mangels an Flüssichkeit hatten wir wenig Appetit und daher auch nur ein geringes Interesse für den Speisezettel. Wir aßen Wurst und etwas Bündner Fleisch, das wir uns, Borchers sei dank, für dieses Unternehmen noch gespart hatten. Schon die Art und Weise wie man an dem feingetrockneten Stück Fleisch längere Zeit herumschnibbeln musste, machte die Sache schmackhaft. Dazu knabberten wir Militärzwieback, genannt Manöverbrötchen, die nie eine Änderung ihrer Konsistenz erfahren, weil sie von Natur schon so trocken sind, dass sie niemals frieren können und daher nie langweilig werden. Danach gab es dann noch etwas Plumpudding, doch auch diese sonst in Hochlagern so freudig begrüßte Delikatesse, die wir in schönen, in der Höhe leicht aufgequollenen Konservenbüchsen mit uns führten, war gefroren und sehr  hart und wurde nur in kleinen Mengen verspeist. Außerdem waren wir froh, wenn wir uns jeder Art von Tätigkeit enthalten konnten, auch der des Essenzubereitens und Vertilgens, und uns den Schlafsack bis zu den Ohren heraufziehen konnten, weniger wegen der Höhe als wegen der Kälte. Der Schlafsack hielt uns auch hier recht schön warm, obwohl wir aus Gründen der Gewichtsersparnis seine Segeltuchhülle unten gelassen hatten. So lagen wir und horchten dem Pfeifen des Windes, gewärtig, dass er eine Verstrebung des Zeltes losreißen würde, und nur von Zeit zu Zeit rafften wir uns auf, den auf dem Dach angewehten Schnee hinunterzustoßen, damit das Dach, das ja so wie so nicht sehr hoch über unseren Köpfen war, uns nicht zu weit ins Gesicht herunterhing.

Niemals war die Ungewissheit über die Lage des Piks Lenin größer als an diesem Abend. Zwar hatten wir im Heraufwandern über den Gletscher tatsächlich diesen riesigen Berg zur Linken gesehen. Der Gedanke, dass das der Pik Lenin sei, lag nahe, und Schneider plädierte dafür. Aber hatten wir nicht schließlich vom Kara-Dschilga Gebiet aus einen Berg östlich von unserem Hochjoch als den höchsten angesprochen? Sagte nicht auch die Landkarte, dass vom Pik Lenin die Wasserscheide nach Süden abzweigt? Konnte nicht im Osten unseres Lagers hinter der alles verdeckenden steilen Firnwand ein noch höherer und schönerer Berggipfel liegen? Nach endlosen Debatten kamen wir überein, am nächsten Tag nach Osten anzusteigen.

Ruhig, zum Teil schlafend, verbrachten wir die Nacht. Unsere Thermometer hatten die verschiedenen Wechselfälle der Expedition nicht überlebt. Wir hatten nur mehr das kleine Instrument, das auf dem Zifferblatt des Barometers befestigt war. Es ging nur bis -23 Grad und das Quecksilber hatte sich längst in sein Gehäuse zurückgezogen,

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Obwohl es im Zelt in unmittelbarer Nähe meines Schlafsackes gelegen hatte. Allwein begann sein leiden volles Amt als Koch, es gelang ihm nur mit sehr großer Mühe, für jeden von uns halbes Tässchen Tee herzustellen, der noch dazu einen merkwürdig schlechten Geschmack hatte. Das Anziehen der Stiefel, die zu Eisenröhren erstarrt waren, war eine Qual. Einer nach dem anderen kam aus Zelt herausgekrochen in die schauerliche Kälte, beendete dort seine Toilette und bemühte sich dann durch heftiges Hin und Herrennen neben dem Zelt von innen her etwas Wärme zu schaffen, was aber bei dem kalten Wind als aussichtslos bald aufgegeben wurde. Um 7 Uhr waren wir alle marschbereit und begannen auf dem östlich vom Sattel ansteigenden Firngrat emporzusteigen. Der Schnee, der im Anfang den Eindruck eines schön und hart verblasenen Firngrates machte, wurde bald weiter oben bei zunehmender Steilheit locker, eine ziemliche Spurarbeit begann wieder. Trotzdem hatten wir nach gut 1 Stunde einen markanten Punkt, den „Eckpfeiler“ erreicht, der weit nach Norden vorgeschoben war, 6100m. Wir standen auf der Grathöhe und hatten Einblick in den Aufbau der Transalaikette in einer Weise, wie wir sie uns nicht besser wünschen konnten. Alles was bisher zweifelhaft für uns gewesen war, lag nun klar vor unseren Augen. Wir sahen, wie die Kette sich in großem flachem Bogen hinüberzog zu den weiter östlich gelegenen Bergen, dem Kisil-Agin, mit seinem ganz merkwürdig gleichmäßigen, flachen, nach Osten streichenden etwa 6800 m hohen Gipfelgrat. Wir sahen im Süden dicht über uns den „Großen Regel“ und wir sahen den hohen Berg im Westen alles weit überragen, was sonst in der Hauptklette des Transalai lad. Da merkten wir endlich und mit aller Deutlichkeit, dass wir uns auf dem falschen Wege und der falsche Seite befanden. Wir zogen die Konsequenzen und stiegen ab. Keine zwei Worte wurden darüber gewechselt, selbstverständlich erschien es uns allen, dass wir noch eine weitere Nacht im Hochlager am Ostsattel des Pik Lenin zubringen und am anderen Tag den entscheidenden Schlag führen würden.

Ein sonderbares Gefühl war es, am Vormittag gegen 10 Uhr im Zelt zu sitzen, an einem wundervollen Tag, wie wir ihn bei der jetzt im Herbst schon sehr wechselnden Witterung wohl kaum für die Besteigung hätten erhoffen können, und zuzusehen wie die Sonne allmählich am Grat des Pik Lenin in die Höhe stieg und schließlich wieder verschwand. Wir hatten jetzt Muße genug, uns klarzumachen, an welch eindrucksvollen Platz stand. Die kleine Firnterasse geht wenige Meter tiefer in eine stiele Eiswand über. Sie reicht hinüber bis zur eigentlichen Nordwand des Pik Lenin, die, man kann es wohl sagen, in einheitlicher Neigung an die 4000 m heraufsteigt aus der Ebene des Alaitals. Es kann wohl nur der einen Begriff von den ungeheuren Ausmaßen an der Nordseite dieses Berges bekommen, der wir, mitten darin gestanden und über die unsäglich wilden Absturze hinabgeblickt hat. Wenn man den Pik Lenin aus der Ebene des Alaitals sieht (vgl. Bild S. 65), im besten Fall aus 30 km Entfernung, so hat er schon seine Wucht verloren. Ihm, der in der Kette ziemlich weit zurückliegt, wird die Gleichmäßigkeit, mit der die Transalaikette als ganze auf den Beschauer wirkt, seine Eigenart genommen, und wohl erst, wenn man auf dem Gletscher, der sich aus den von Nordflanken abstürzenden Eismassen bildet, soweit vordringt, dass man unmittelbar an dem Fuß dieser Wand steht, wird man den Eindruck haben, der uns hier oben erfüllte. Auf der Südseite ist es ähnlich. Der Pik Lenin liegt unglaublich versteckt im Hintergrund des Gletschers, man wird seiner erst ansichtig, wenn urplötzlich die 2000 m hohe Eiswand vor einem in die Höhe ragt. Es war daher auch sehr schwierig, fast unmöglich, ihn von unten von irgendeiner Seite so zu fotografieren, dass das Bild der Wirklichkeit einigermaßen gerecht würde.

Schnell kamen Abend und Nacht. Etwas weniger rüttelte der Wind am Zelt und wir schliefen mehr. Am Morgen zeigte das Thermometer nur -18 Grad im Zelt. Wir machten uns die Erfahrungen des gestrigen Tages zunutze. Unsere Stiefel hatten

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Wir während der ganzen Nacht im Schlafsack gewärmt, indem wir einfach wir einfach daraufgelegen hatten. So waren sie schön weich und schmiegsam, das Anziehen ging leicht und die Füße waren nicht schon von vornherein ganz eisig. Dann verschoben wir das Aufstehen und den Aufbruch, bis die wärmenden Strahlen der Sonne unser Zelt erreichten. Zwar wurde es 8 Uhr, bis sie hinter dem Bergrücken im Osten hervorkam, aber wir erhofften uns von ihr doch eine wesentlich belebende und wärmende Wirkung. Alles, was unsere Rücksacke an wärmenden Sachen bargen, legten wir außer den normalen dicken Kleidungsstücken und dem Windanzug, die man ja in den Alpen bei Schneesturm genau so nötig hat, noch eine Garnitur Unterzeug aus Papier. Als Kälteschutz für die Füße dicke Lappen, die um die Schuhe gewickelt wurden, darüber die Steigeisen, die sie festhielten. Natürlich hatten die Steigeisen doch wieder eine schädliche Wirkung, weil die Riemen der Bindung immer irgendwo auf den Fuß drückten und die Blutzirkulation hemmten. Aber wir brauchten sie doch unbedingt, denn der Firn war hartgeblasen und glatt und zum Teil war unser Weg sehr steil. Ein jeder trug einen Rucksack von sehr kleinem Gewicht. Ich hatte den Fotoapparat, der wegen der Kälte schließlich leider nicht funktionierte, und das Barometer, das infolge der an es gestellten Ansprüche groß und schwer war. Allwein hatte den Zeltsack für Kasten bei Wind und überhaupt für den Notfall, Schneider etwas Proviant, hauptsächlich Bonbons, die zu essen wir merkwürdigerweise am längsten Luft hatten, Schokolade und Dörrobst.

So verließen wir am 25. September, dem 5. Tag seit unserem Aufbruch aus Rusgun Tokai, morgens 8 Uhr 20 Min. unseren Lagerplatz am Ostsattel, 5825 m, und begannen auf schön verblasenem Schnee den Ostgrat des Pik Lenin anzusteigen. Um es vorwegzunehmen, es trennten uns noch 1500 m Höhenunterschied von dem höchsten Punkt, als Anstiegsleistung in alpinen Verhältnissen etwas durchaus Normales. Für zentralasiatische Verhältnisse bedeutete es jedoch selbstverständlich mehr, weil natürlich hier mit zunehmender Höhe das Tempo landsamer wird und weil man nicht weiß, wie gerade die letzen paar hundert Meter sich bewältigen lassen, wenn man durch den langen Anstieg bis in diese Höhe schon mitgenommen ist. Wir haben für diese 1500 m wenig mehr als 7 Stunden gebraucht, alle Kasten natürlich eingerechnet, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwas mehr als 200 m in der Stunde gleichkommt. Da aber die Geschwindigkeit im oberen Teil sicher sehr viel langsamer gewesen ist, so müssen wir im unseren Teil ein ganz ordentliches Durchschnittstempo gehabt haben. Es hatte sich eben gezeigt, dass wir durch den bloßen Aufenthalt in großen Höhen unseren Körper an den Sauerstoffmangel gewöhnt hatten.

Im ersten steilen Aufschwung das Grates, den wir erstiegen, fanden wir etwas Bruchharscht, in dem wir einsanken und spuren mussten. Es war die einzige solche Stelle. Von dort ab war der breite Grat, der dauernd vom starken Wind überstrichen wurde, hart verblasen, und unsere steigeisenbewehrten Füße ließen nur selten eine merklich vertiefte Spur zurück. Um ein Beispiel von der Art des Geländes zu geben, möchte ich den Grat mit dem Ostgrat des Montblanc vergleichen, der sich vom Col de la Brenva über den Mur de la Cote ja auch in verschiedenen flachen und steileren Stücken zum Gipfel aufschwingt und auch nach Süden und, wenigstens im oberen Teil, nach Norden ziemlich steil abfällt. Nur muss man, um einen Begriff von der Größe zu bekommen, diesen Grat, dessen Höhe etwa 500 m beträgt, dreimal aufeinander setzen. Wer diesen Rücken des Montblanc einmal hinaufgestiegen ist, weiß, wie sehr man dabei den Gipfel herbeisehnt und wie sehr, vielleicht gerade durch die Einförmigkeit, dieser Anstieg auch auf die geistige Triebkraft einen hemmenden Einfluss auszuüben imstande ist.

Ein starker Wind wehte, aber im Anfang hatten wir noch schöne Sonne und sahen an den Bergen im Osten, wie wir uns langsam in die Höhe schraubten. Immerhin

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Nach eine Stunde nahmen wir den Zeltsack heraus, krochen alle drei hinein und ruhten uns an der rasch entstehenden Wärme etwas aus. Um 12 Uhr kamen wir auf eine selbständige Erhebung im Grat, 6770 m. Als hiermit die Sicht nach vorne offen geworden war, mussten wir leider feststellen, dass der Gipfel noch hoch und steil und weit von uns entfernt war und was für uns das schlimmste war, dass eine Scharte zwischen uns und dem Gipfelaufbau lag. Mehr als 50 teuer erkaufte Meter gingen wieder verloren. Aber nicht mit einer Gegensteigung war es getan, dreimal mussten wir hinunter, hinauf und wieder hinunter. Allmählich begann das Gefühl unsere Zehen zu verlassen. Mir ging es noch am besten, aber auch die anderen beiden dachten nicht daran aufzugeben. Allzunahe lag das Ziel vor uns, und da der Abstieg ja nicht sehr lange dauern würde, würden wir mit den Füßen in absehbarer Zeit aus der ärgsten Kälte wieder herauskommen. Als endlich das anstrengende ebene Gratstück mit seinem Auf und Ab hinter uns lag und den wir den Sockel des eigentlichen Gipfelaufbaus erreicht hatten, wuchs auch unser Unternehmungsgeist. Bald kletterte das Aneroid wieder merklich in die Höhe. Immerhin ist es doch so, dass wir in 6900 m unsere wirklich nicht schweren Rücksäcke liegen ließen; etwas Erleichterung verschaffte es doch. Dann arbeiteten wir uns weiter empor, Meter um Meter. Die Rasten fielen immer näher zusammen, erst alle 50 m, dann alle 30 m, und gegen Ende setzten wir uns alle 10 m kurz in den Schnee.

Die Sonne war verschwunden, Nebel brandeten von Westen herauf. Von diesen letzten paar hundert Metern kann man wohl sagen: Es ging hart auf hart! Gemessen an anderen, besonders am Mount Everest erreichten Höhen ist natürlich 7000 m noch nichts besonders Bemerkenswertes, und so sind unsere Leistungen auch noch von einer anderen Größenordnung, als die der Bergsteiger im Himalaja. Aber einige erschwerende Umstände muss man in Rechnung stellen, um zu verstehen, dass es für uns auch ein Kampf gewesen ist. Wir waren direkt aus Standlager in 3000 m Höhe heraufgekommen und die Anstrengungen des zum Teil trägerlosen Anstiegs lagen uns noch in den Knochen. Aber wichtiger vielleicht waren die psychischen Momente, die dauernde Spannung, in der wir uns in den letzen Tagen wegen der Ungewissheit der Lage des Pik Lenin befunden hatten, und nicht zuletzt das Gefühl, vollkommen auf uns selbst angewiesen zu sein, das Wissen, das wir die Sache vollkommen aus eigener Kraft auch noch über ganzen Rückweg hinweg bis ins Standlager vollenden müssten. Der nächste Mensch, der uns in irgendeiner Sache helfen konnte, war 5 Tage, 70 km Luftlinie, von uns entfernt. Die Träger konnte man nicht mitrechnen, weil sie, allerdings nur in diesen Höhen und in dieser für sie ungewohnten und unheimlichen Umgebung, nur mit unserem Ansporn zu Leistungen zu bringen waren. Ich glaube, man unterschätzt oft, wieviel es in der Leistung ausmacht, wenn man weiß, dass man sich vollkommen ausgeben darf und dass es damit getan ist, gerade noch mit den letzten Kräften dorthin zurückzukommen, wo einen eine warme Hütte oder hilfsbereite Menschen in Empfang nehmen.

Ganz zum Schluss versuchte der Berg noch einmal, uns durch Schwierigkeiten abzuschlagen. Die letzen 150 m sind sehr steil, ungefähr 55 Grad, an sich zwar ein erstklassiger Steigeisenhang, aber hier oben als Dreingabe nach allem Vorausgegangenen wurde er von uns doch als sehr bitter und anstrengend empfunden. Doch er vermochte uns nicht mehr in unserem Vordringen aufzuhalten.

Um 3 Uhr 30 Min. nachmittags betraten wir die windumtoste G i p f e l f l ä c h e. Auf dem höchsten Punkt, einen kleinen aus dem Firn hervorragenden Felsköpfel, drückten wir uns die Hände und setzten uns nieder.  Der Höhenmesser war auf 7000 m, der Grenze seiner Leistungsfähigkeit, stehengeblieben. Nebel waren im Süden und im Westen und nur undeutlich und verschwommen sahen wir im Westen den Grat zu einem niedrigen Firngipfel, dem etwa 6710 m hohen Jergau-Tasch, sich senken. Die

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Nordwand, steil zum Gletscher gegen das Alaital abfallend, die Südwand 2000 m bis zu dem Gletscher, über den wir heraufgekommen waren, hatten wir  schon während des ganzen Anstiegs vor Augen gehabt. Im Osten, ganz hinten in China, sahen wir Schneeberge in weiter Ferne. In der Nähe all die vielen Berge des östlichen Transalai, hinter denen der Kara-Kul mit seinem blauen Wasser liegt, alle tief unter uns. Das war der Rundblick,  den wir hatten, lange haben wir nicht geschaut. Die große Kälte ließ uns nicht länger verweilen.

Der Abstieg dauerte 2 ¾ Stunden. Im Augenblick, in dem man aufhört, bergan zu steigen, bei der  Rast und beim Abstieg, sind die lähmenden Wirkungen der Höhe nur mehr zum kleinen Teil wirksam und man wird, wie das ja auch die Engländer angeben, selbst für den Mount Everest, im Abstieg im allgemeinen ähnliche Zeiten erzielen wie in den Alpen, wenn man berücksichtigt, dass die Strapazen des Aufstiegs natürlich eine gewisse allgemeine Erschöpfung im Körper zurücklassen. In schlimmer Erinnerung habe ich allerdings die endlos scheinende Gegensteigung, die nun, da man schon ganz auf einen Abstieg ohne wesentliche Willensanstrengung eingestellt war, doppelt unangenehm empfunden wurde.  Ganz mechanisch folgten wir im Nebel, der inzwischen den ganzen Grat eingehüllt hatte, unseren Aufstiegspuren.

Um 5 Uhr 45 Min. tragen wir im Ostsattel bei unserem Zelt ein. Gerade rissen die Nebel auf und in ein seltsames rotes Licht getaucht lag das Alaital zu unseren Füßen. Wir machten uns sofort daran, unsere Sachen zusammenzupacken. Eine dritte Nacht in diesem unwirtlichen Hochlager zu verbringen, erschien uns nicht ratsam. Wir wollen tiefer auf dem warmen Schutt des Lagerplatzes der Träger in 5200 m übernachten. Beim Abbrechen des Zeltes konnten wir zu unserer großen Freude noch Teile unseres Proviants aus dem Firn heraushacken, die wir schon für verloren gehalten hatten. Während es dunkel wurde, stapften wir zwischen den unfreundlichen Eiswänden hinunter und gingen mit etwas knickrigen Knien über das blanke Eis. Irgendwann, der Mond schien auf die einsamen Wanderer und ich war zu müde, um auf die Uhr zu sehen, kamen wir zum Ziel. Doch – die Stätte war verlassen, die Träger waren ausgerissen. Den Trägerrucksack mitsamt etwas Proviant hatten sie uns zurücklassen und oben auf einem Hügel hatten sie einen kleinen Steinmann erbaut. War es ihnen wohl zu kalt und zu unheimlich geworden in dieser Gletscherwüste? Wir wurden dadurch an diesem Abend sehr wenig berührt. Wir schlugen unter Zelt irgendwo schief in die Gegend keine Nacht ist es jemals mit so wenig Sorgfalt aufgeschlagen worden, hackten nur noch einen Eistee auf, mit dessen Wasser wir unseren maßlosen Durst zu löschen versuchten, dann krochen wir in die Schlafsäcke und schliefen.

Schlaftrunken schälten wir uns aus unseren Säcken, als schon die Sonne heiß auf das Zeltdach herunterbrannte. Nun untersuchten wir genauer den Zustand unserer Füße. Schneiders Füße hatten am meisten, während Allweins und meine lediglich stark angeschwollen waren. Schmerzhaft war das Auftreten für alle. Wir befanden uns drei Tagemärsche vom Standlager entfernt, ohne Träger, die Lage war nicht erfreulich. Immerhin, das einzige, was wir tun konnten, war möglichst rasch zum Standlager hinabzusteigen. Unser Marsch den Gletscher hinunter, der erst um 10 Uhr begann und schon um 4 Uhr 30 Min. nachmittags endete, war ein richtiger Trauermarsch. Zunächst mussten wir von Mulde zu Mulde über das blanke Eis hinuntergehen, dann fanden wir wieder den Anfang derselben Längsmoräne, über die wir schon heraufgekommen waren. Wenn es auch eine unglaubliche Art der Fortbewegung war, auf diesen ungleichmäßigen, rutschigen Schuttmassen und Blöcken immerfort bergauf bergab dahinzustolpern, so mussten wir doch dankbar für diese Straße sein. Nur ein einziges Mal stellte sie uns ein wirkliches Hindernis in Gestalt von einigen riesigen Querspalten in den Weg, die wir überlisten mussten. Sonst blieb uns nichts übrig, als geduldig des Weges zu ziehen und zu warten, bis der Pik Lenin mit seinem

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unendlich langen Ostgrat hinter den weiter südlich gelegenen Bergen verschwanden und bis allmählich der große südliche Gletscher mit seinem Bergen in unser Gesichtsfeld hereinwuchs. Gegen Mittag wurden, namentlich bei Schneider, die Schmerzen in den Füßen größer und besonders das „Anfahren“ nach den Rasten war schauerlich. So mussten wir schließlich den Gedanken aufgeben, bei einem kleinen Tee oben auf der alten Moräne, auf der wir auf dem Hinweg die Kurve des Gletschers abgeschnitten hatten, das Lager aufzuschlagen. Vielmehr schon ungefähr dort, wo uns Perlin bei der Mittagsrast am 22 September verlassen hatte, stellten wir unser Zelt auf, das fünfte Lager auf dem Eis des Nördlichen Sauk-Sai-Gletschers, etwa 4300 m. Schneiders Füße gaben zu Besorgnis Anlass. Wir hielten es für unmöglich, dass er in diesem Zustande bis ganz ins Standlager würde gelangen können. Einer musste vorauseilen, um Schneider wenigstens bis zum Gletscherende mit Pferden entgegenzukommen. Bis dorthin musste er allerdings unter allen Umständen zu Fuß gehen. Die Wahl, dieses Amt zu übernehmen, fiel auf mich, weil ich am wenigsten unter den Erfrierungen gelitten hatte.

Als am Morgen des 27. September die Sonne aufging, verließ ich meine Gefährten und machte mich auf den Weg. Langsam zog ich über den Schutt der Moräne noch ein Stück gletscherabwärts, betrat dann wieder die alte Moräne und kam durch das Tälchen neben dem Gletscher und über das Eis des ersten Seitengletschers hinunter ans Ende. Dort in der aperen Zone zwischen dem Gletscher 1 und dem Hauptgletscher war unter ersten Lagerplatz, wo wir auf dem Hinweg ein Depot mit einem Büchsenschinken und etwas anderem Proviant errichtet hatten. Als ich mich langsam hinkend diesem Platz näherte, sah ich zwei Gestalten sich dort herunterbewegen, und ich merkte zu meinem Erstaunen, dass es unsere beiden Träger waren, die aus den kalten Regionen des oberen Gletschers sich in dieses halbwegs angenehme Plätzchen geflüchtet hatten. Die Freude darüber, dass ich jetzt nicht mehr meinen doch recht umfangreichen Rucksack zu tragen brauchte, überwog entschieden den Grimm, der mich eigentlich über diese beiden Flüchtlinge hätte erfüllen sollen. Ich nahm den einen, Dario, mit mir, schickte den anderen, Bodor, meinen Freunden entgegen. Allerdings Bodor legte sich, kaum dass ich mit Dario außer Sichtweite war, hinter einen Stein und wusste es so einzurichten, dass er Schneider und Allwein erst dort begegnete, als sie schon über die Zunge des Gletschers zum ebenen Talboden abstiegen. Ich eilte inzwischen verhältnismäßig leichtbeschwingt weiter über den Gletscher 1 und kam mittags um 1 Uhr ins breite, schutterfüllte Tal. Meine Füße vertrugen nur ungern eine Rast, und so war es am besten, zu versuchen, in einem Zuge, ohne auch nur einmal auszusetzen, das Standlager zu erreichen. 20 km mochten noch in dem weglosen Tal zurückzulegen sein; 6 Stunden wanderte ich so mit möglichster Beschleunigung dahin; Dario, der sich emsig bemühte, mir zu folgen mit meinem Rucksack, stöhne leise vor sich bin. Den Augenblick werde ich nie vergessen, als am Abend der Lagerplatz hinter der letzen Biegung vor meinen Augen lag, die Sträucher und die dazwischen aufgespannten Zelte und der Kirgise am großen Feuer. Außerdem sah ich ein Kamel und einen zweiten Kirgisen und entdeckte bald Borchers, der gerade vor einer Stunde, des Lebens in der Etappe müde, mit halbwegs geheilten Wunden von Altin Masar heraufgeritten war. Es übernahm es, am anderen Tage meinen beiden Gefährten entgegenzureiten, eine Tat, die für mich an diesem Abend von unschätzbarem Werte war, denn meine Erschöpfung war groß. So konnte ich mich gleich der Ruhe hingeben, undeutlich merkte ich, wie Borchers des Morgens aufbrach, und ich schlief bis in den hellen Mittag.

Allwein und Schneider hatten am Abend wirklich noch das Ende des Gletschers erreicht, obwohl der Tag für Schneider sehr arg gewesen sein muss und er gerade bei dem Marsche über den ungemein unebenen Gletscher sehr viel auszuhalten hatte. Sie lagerten unterhalb des Gletschers 1 und traten von dort ihren 8. Und letzen Marschtag an.

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Verabredungsgemäß gingen sie bis zur Prallstelle des Flusses. Dort nahm sie Borchers mit dem Kirgisen, Dario und 2 leeren Pferden in Empfang. Am Nachmittag des 28 September, um 4 ½ Uhr kamen sie ins Standlager. Gleich am anderen Morgen wurde der Kamelreiter, der mit Borchers gekommen war, mit Nachricht zu Rickmers nach Altin Masar gesandt. Allwein legen diese Kamelreiter in kurzer Zeit riesige Stecken zurück, und so kam schon am Morgen des 30. September ein Bote, der die Nacht hindurchgeritten war, mit den fehlenden Medikamenten herauf, um die wir gebeten hatten.

Für uns kamen einige Tage der absoluten Ruhe, und wir ließen es uns in Kusgun-Tokai gut gehen. So endete für uns die Besteigung des Pik Lenin, die der Schlussstein auf den bergsteigerischen Erfolgen der Expedition genannt werden mag und für uns das schönste und größte Erlebnis in ihrem Verlauf gewesen ist.

Am 6. Oktober waren Borchers uns ich zum Fotogrammetrieren auf einem 5700 m hohen Berg unweit des Lagers gewesen. Aus mancherlei Gründen hatten wir uns verspätet und standen, als die Sonne unterging noch auf einer Scharte in 5000 m Höhe. Der Pik Lenin stand drüben im Osten, kaum dass man ihn herausfand aus der Zahl der gewaltigen Berge, die um ihn laden. Aber er offenbarte sich uns noch einmal. Als die Sonne schon unter den Horizont gesunken war und alle Berge schon lange in kaltem farblosen Schatten lagen, da ruhte noch der Schein der letzten Sonnenstrahlen auf ihm und ganz langsam, als zögerte er ein wenig, löste sich der Schimmer von seinen Gipfel.